Vergriffen

Texte von Hans Curt Flemming, Fotos Andy Rosasco,
Zürich 1991 im Verlag der Lebenskunst-Akademie erschienen,
50 Seiten, 15 Franken.

Was ist ein Koan? Koans sind Rätsel, die von den japanischen Zen-Mönchen erfunden wurden. Sie können mit dem Verstand nicht gelöst werden: „Höre das Klatschen einer einzelnen Hand“ heisst eines von ihnen. Sie dienen dazu, über den Verstand hinauszuführen, um die Bereiche zu erschliessen, die sich dahinter auftun.
Die Bilder von Alexander Jeanmaire erschliessen sich ebenso wenig über den Verstand – sie sind gemalte Koans. Man kann sie nicht „einordnen“. Der Versuch, sie zu analysieren, führt genau in die gleiche Klemme wie der Versuch, das oben genannte Rätsel mit dem Verstand zu lösen. Aber sie öffnen eine Tür zu einem Weg nach innen. Das ist ein Weg, der sich durch eine andere Betrachtungsweise erschliesst – zu fragen: Was ist dahinter? Was ist das Wesentliche?

Die Bilder bieten einen Anreiz, eine Inspiration, eine Verlockung – und eine Art Gefäss für das, was darüber hinaus geht. Sie sind Formen für das, was nicht gemalt werden kann und trotzdem da ist. Das ist paradox aber es funktioniert, wenn man sich darauf einlässt. Sie bilden eine Verbindung zu den intuitiven Bereichen, die jeder Mensch in sich enthält. Insofern verschwindet der Malende hinter dem Gemalten, und was bleibt, ist die Gemeinsamkeit jener ursprünglichen Kreativität von Maler und Betrachter. Manchmal geschieht es, dass diese Resonanz entsteht. Aber sie entsteht nicht aufgrund gemessener, berechenbarer Formen, sondern gänzlich irrational, intuitiv, ohne dass der Verstand zu Hilfe kommen kann – oder man wendet sich unberührt ab, kopfschüttelnd und ohne Resonanz. Die Frage, was „Kunst“ ist, was „gut“ oder „schlecht“ ist, löst sich hier auf einfache Weise auf: entweder bringt ein Bild etwas zum Klingen oder nicht. Was dahinter wirkt, ist dann nicht Kunstfertigkeit, sondern ein Gleichklang zwischen Bild und Betrachter, eine gemeinsame Wellenlänge der Energie, die zur Berührung führt. Insofern machen die Bilder keine „Aussagen“, sondern sie führen zu Erfahrungen. Deshalb brauchen sie auch keinen Titel, denn jeder macht eine andere Erfahrung damit. Die Bilder haben eine subtile Kraft, die manchmal erst nach und nach zu wirken beginnt. Sie äussert sich darin, dass etwas einen Weg zum Betrachter findet und dort hängen bleibt – ein Detail, eine Farbnuance, ein Schwingen von Intensitäten – und das trägt man mit sich fort.

Zum Teil sind die Bilder vielfach übermalt, und mit dem Auge kann man die darunter liegenden Schichten nicht mehr erkennen. Trotzdem atmen sie ihre Geschichte, und die Fläche bekommt auf diese Weise eine Tiefe, die ihre Dimension erweitert.
Ich glaube, der Reiz liegt darin, dass sie einen dazu zwingen, sozusagen „anders zu sehen“ – Gesetze ästhetischer Proportionen verlassen einen hier: man muss andere Augen öffnen. Für einen, der lange Jahre extrem genau und proportionsgerecht ästhetisch gemalt hat, hat Alexander Jeanmaire damit einen gewaltigen Sprung getan. Und hier sind wir wieder beim Koan. Denn mit den Mitteln der Malerei hat er viele Winkel des Gegenständlichen ausgekundschaftet, bis er an einen Punkt kam, an dem eine weitere Perfektionierung dieses Könnens unbefriedigend wurde. Es erforderte den Mut, „neu sehen zu lernen“ – sozusagen über den malerischen, zeichnerisch abbildenden Verstand hinaus zu gelangen – und dies mit den Mitteln der Malerei. Etwas blieb immer noch übrig, das nicht gemalt werden konnte: eine Essenz, eine Energie, ein Duft, ein Unsagbares, das sich nicht festhalten lässt, fordert zu diesem Sprung heraus. Und hier gibt es keine „fertigen Kunstwerke“, hier gibt es Annäherungen, Versuche, Lichtblicke aus anderen Dimensionen. Hier lockt etwas Unbegrenztes, was jeder in sich trägt, und hier können Betrachter und Maler sich an einem Punkt begegnen, der über beide hinausweist – dort braucht man auch keine Worte mehr. Solche Bilder zu malen und auszustellen sind ein Risiko. Aber es kann sein, dass ein solcher Schritt an einem bestimmten Punkt der eigenen Entwicklung unvermeidlich ist. Dann begegnet man nur noch jenen Menschen, die selbst an solchen Entwicklungen interessiert sind: an Möglichkeiten, zum eigenen, innersten Kern, zur eigenen Wahrheit zu gelangen.
Auf diesem Weg gibt es aber auch das Lachen, das Augenzwinkern, eine Vergnügtheit. Kunst muss nicht immer erkämpft sein, sie kann auch ertanzt werden. Und für Alexander Jeanmaire hat sie nur dann einen Sinn, wenn sie etwas von dieser inneren Wahrheit zum Klingen bringt, denn die Wahrheiten erkennen sich. Auch wenn sie verschieden sind. Und dieser Klang ist das Risiko wert.

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